Wie der Salzburger Massenmord ins Labor kam

Als im Spätsommer 1997 eine große Menge radioaktives Material in der weltberühmten Musikhochschule „Mozarteum“ ausgebracht wurde, hatten sich bereits Auffälligkeiten bei den Krebsraten in der Stadt ergeben. Ärzte aber auch der Chef des Mozarteums hatten sich bereits besorgt geäußert über verschiedene Häufungen von Krebsfällen unter den Studenten.

Die medizinischen Labors der Stadt und der Krankenanstalten hielten noch dicht; in einem dieser Labors treffen wir eine fiktive Technikerin, die uns über ihre Wahrnehmungen in jener Zeit erzählt. Meine Mitarbeiterin Iris Koznita hat an der Gestaltung der (wahren) Eindrücke dieser fiktiven Technikerin mitgewirkt.

Es ist Sommer 1998.

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Zettel aus einem medizinischen Labor, anonym

„Wir wussten schon von zwei hysterischen Anrufen ausländischer Eltern, dass im Mozarteum was los ist. Auf Nachfrage durften wir unsere Beobachtungen nicht bestätigen. Die Leukämiefälle mussten Einzelfälle bleiben für uns. Angeblich hatte sich auch der Landeshauptmann eingemischt in die Diskussion.

Wie das Wasser bei der Überschwemmung stieg die Leukämiehäufigkeit in diesem Sommer bei unseren Resultaten. Fast alles junge Leute, viele Ausländer dabei. Einige waren bereits eingeliefert worden, wir sahen es an den Anforderungen aus dem Landeskrankenhaus.

Vom Direktor hieß es, er verlässt sich auf uns. Die ausländischen Resultate kamen nicht in die Statistik, die Betroffenen holte man eh meistens bald nach Haus, oft nach Japan, Südkorea, Italien, als ob man der Behandlung hier nicht mehr vertrauen wollte, nur raus.

Eine Dame der Landesregierung erschien im Labor und wies uns ganz unüblich auf eine Sorgfaltspflicht hin. Vor unserer Eingangstür tauchten zweimal Grüppchen von Ausländern auf und stellten einer Kollegin seltsame Fragen. Ich suchte auf Geheiß des Direktors eine Bar auf und versuchte, dort einen komischen Typen im bunten Hemd anzusprechen, der sich auskennen sollte. Er beachtete mich nicht.

Im Herbst mussten wir dann Verschwiegenheitsverpflichtungen unterschreiben, ohne erkennbaren Sinn. Ich hatte den Eindruck, dass jetzt auch andere Krebsarten dazukamen zu den Häufungen, vielleicht hätte ich selbst zu diesem Zeitpunkt schon vierzig Fälle oder mehr diagnostiziert.

Irgend ein Mitarbeiter drapierte Kopien von ausländischen Zeitungsartikeln im Gemeinschaftsraum, das Mozarteum sollte geschlossen werden, ein Todeshaus sei das, ein klingendes Grab.“

 

(Foto xlibber, Lizenz)

 

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